Jahr der Herausforderungen für Güssings Jägerschaft
Kitzrettung, Dürre, Wasserknappheit: Zwei außergewöhnliche Ereignisse prägen das Jagdjahr 2026 im Revier Güssing
Frühjahr 2026: 15 gerettete Kitze – Güssings Jäger und Bauern ziehen an einem Strang
Die erste Mahd ist für Wildtiere die gefährlichste Zeit des Jahres. Rehkitze ducken sich bei Gefahr instinktiv ins hohe Gras, statt zu flüchten — und geraten so unter das Mähwerk. Dass es im Bezirk Güssing heuer deutlich besser ausgegangen ist als in vielen anderen Regionen, ist das Ergebnis enger Abstimmung zwischen Bäuerinnen und Bauern, Jägerinnen und Jägern und ehrenamtlichen Helfern.
Sehr früh, meistens um 05:00 Uhr morgens, wurden mit Hilfe einer Drohne mit Wärmebildkamera und 3–4 Leuten am Boden die Wiesen abgeflogen und die Kitze kurzzeitig in Sicherheit gebracht.
15 Kitze konnten im Frühjahr 2026 rechtzeitig gefunden, gesichert und nach der Mahd wieder freigelassen werden.
Möglich wurde das durch frühzeitige Kommunikation: Landwirte meldeten ihre geplanten Mähtermine rechtzeitig, und die Reviere suchten die Flächen am frühen Morgen mit Drohnen und Helfern ab. Wo ein Kitz gefunden wurde, kam es bis zum Abschluss der Mahd in eine belüftete Box und anschließend zurück in die Deckung.
Kooperation als Regel, Ausnahmen als Einzelfälle
Der überwiegende Teil der Betriebe arbeitet eng und verlässlich mit den Revieren zusammen. Nur in wenigen Einzelfällen kam es zu Problemen — etwa wenn Mähtermine kurzfristig und ohne Rücksprache verschoben oder vorgezogen wurden. Da eine Kitzrettung naturgemäß nur wenige Stunden wirkt — die Geiß holt ihr Junges zurück, sobald Ruhe einkehrt — kann schon eine Verschiebung um einen Tag den Schutz vollständig zunichtemachen.
Bezirksjägermeisterin Charlotte Klement:
„Diese 15 geretteten Kitze sind kein Zufall, sondern das Ergebnis echter Partnerschaft. Mein ausdrücklicher Dank gilt den vielen Bäuerinnen und Bauern, die uns rechtzeitig informieren und mit uns auf die Wiese gehen, ebenso wie unseren Jägerinnen, Jägern und den freiwilligen Helfern, die oft vor Sonnenaufgang im Einsatz sind. Natur-, Arten- und Tierschutz gelingt dort, wo Landwirtschaft und Jagd Hand in Hand arbeiten — und genau das leben wir im Bezirk Güssing."
Bezirkshauptmannschaft Güssing / Martina Bieber:
„Tierschutz ist gelebte Verantwortung und gesetzlicher Auftrag zugleich. Das Engagement im Bezirk zeigt, dass Aufklärung und Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten der wirksamste Weg sind. Wo Jagd und Landwirtschaft an einem Strang ziehen und gemeinsame Vorkehrungen getroffen werden, lässt sich vermeidbares Tierleid verhindern — und das ist im Interesse aller Beteiligten."
LK-Eisenstadt / Bezirksbauernkammer Güssing:
„Unsere Betriebe nehmen ihre Verantwortung ernst. Die Kitzrettung gehört für uns zur ordnungsgemäßen Landwirtschaft dazu. Wir setzen weiterhin auf Information, kurze Wege zu den Revieren und moderne Technik wie Drohnen, damit die Zusammenarbeit so gut funktioniert wie heuer."
Appell an die wenigen Ausnahmen — und rechtlicher Rahmen
So erfreulich die Bilanz ist: Schon einzelne Versäumnisse können Tierleid verursachen — und haben rechtliche Folgen. Die Jagdgesellschaft Güssing und ihre Partner richten daher einen klaren Appell an jene wenigen, die Mähtermine ohne Rücksprache ändern oder die Kitzrettung nicht abwarten. Das österreichische Tierschutzgesetz (TSchG) verbietet es, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen (§ 5) und Tiere ohne vernünftigen Grund zu töten (§ 6). Wer in Kenntnis eines konkreten Kitzes ohne erneute Absuche mäht, riskiert eine Verwaltungsstrafe im vierstelligen Bereich, im Wiederholungsfall deutlich mehr (§ 28 TSchG). Bei vorsätzlichem Handeln kommen straf- und zivilrechtliche Konsequenzen hinzu.
Die einfachste Vorsorge bleibt das kurze Telefonat: Wer seinen Mähtermin verschiebt, sollte das Revier erneut verständigen. Ein Anruf genügt, um die Arbeit der Helfer nicht ins Leere laufen zu lassen — und um auf der sicheren Seite zu stehen.

Sommer 2026: Extreme Trockenheit — das Wild kämpft ums Wasser
Was die Kitzrettung im Frühjahr erfordert, fordert der Sommer auf andere Weise: Seit Juli 2026 herrscht im Bezirk Güssing eine Dürre, wie sie viele Jäger seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Der Dragenbach — seit Menschengedenken wasserführend — ist vollständig ausgetrocknet. Quellen, auf die sich das Wild seit Generationen verlässt, sind versiegt. Die Felder gleichen einer Steppe.
Die Folgen für das Wild sind gravierend: Rehe, Rotwild und Schwarzwild müssen teils mehrere Kilometer zurücklegen, um noch Wasser zu finden. Das zwingt sie, stark befahrene Straßen zu überqueren — mit dem Ergebnis einer deutlichen Zunahme von Wildunfällen. Täglich werden verendete Stücke gemeldet, die der Hitze zum Opfer gefallen sind. Und wo kein Gras, keine Feldfrüchte und keine Wildwiese mehr stehen, weicht das Wild auf das einzige verbliebene Grün aus: Sojabohnen, Waldränder — was unweigerlich zu mehr Verbissschäden führt.
Was die Jägerschaft tut
Die Jagdgesellschaft Güssing hat rasch reagiert: Alle 2–3 Tage wird Frischwasser in ausgetrocknete Tümpel eingefüllt. Wo keine natürliche Wasserstelle mehr vorhanden ist, werden Malterkisteln und Tränkebehälter aufgestellt — von Kleinfederwild bis zum Schwarzwild werden sie gut angenommen. Das Wasser wird aus privaten Zisternen und Quellen bezogen, die von den Jägern selbst organisiert werden.
Jagdleiter Rainer Schwarz:
„Die Wasserversorgung des Wildes ist in diesem Sommer zur drängendsten Aufgabe unserer Jägerinnen und Jäger geworden. Was früher Bach, Tümpel und Quellen von selbst geregelt haben, organisieren wir heute mit Fässern, Kübeln und Malterkisteln — alle zwei bis drei Tage, bei 35 Grad, freiwillig und ohne Aufwandsentschädigung. Das zeigt, wie ernst die Lage ist. Aber es zeigt auch: Die Jägerschaft im Bezirk Güssing übernimmt Verantwortung — nicht nur für das jagdbare Wild, sondern für das gesamte Ökosystem. Ich appelliere an Gemeinden, Grundeigentümer und die Politik, das Thema Wasserrückhalt im Revier endlich ernst zu nehmen. Biberdämme, Feuchtbiotope und Rückhaltebecken sind keine Hindernisse — sie sind in Zukunft überlebenswichtig."


Appell an die Bevölkerung
Die Jägerschaft richtet auch einen Appell an die Einwohnerinnen und Einwohner des Bezirks: Wer in seinem Garten — besonders unter Obstbäumen — Schalen oder Kübel mit Wasser aufstellt, leistet einen wertvollen Beitrag. Das Wild schöpft in den Nachtstunden. Außerdem wird gebeten, in den Morgen- und Abendstunden auf Spaziergänge in Waldnähe zu verzichten und Hunde nicht frei laufen zu lassen. Jeder vermiedene Stress entlastet Tiere, die ohnehin an ihrer Belastungsgrenze sind.
Ein strukturelles Problem: Der Biber und seine Dämme
Die aktuelle Krise wirft auch eine längst überfällige Frage auf: Die Biberdämme am Dragenbach, die in den vergangenen Jahren permanent abgetragen wurden, hätten heute zumindest Tümpel und kleinere Feuchtbiotope erhalten. Ihre Entfernung war eine Fehlentscheidung — das zeigt sich erst jetzt in vollem Ausmaß. Es braucht ein Umdenken in der Bewertung von Biberbauten als natürliche Wasserspeicher.
Ein Thema, das bleibt
Wasser ist keine Selbstverständlichkeit mehr — das ist die Botschaft dieses Sommers. Es geht nicht nur um Reh, Hirsch und Wildschwein. Vom Insekt bis zum Vogel, vom Gewürm bis zu den Amphibien: Wasser ist die Grundlage allen Lebens. Die Jägerschaft im Bezirk Güssing wird dieses Thema weiter im Blick behalten — und hofft auf Partner in Landwirtschaft, Gemeinden und Naturschutz, die mitziehen.





